Karfreitag to go

Irgendwie hatte Pilatus ein schlechtes Gewissen, dass er Jesus kreuzigen ließ. Eigentlich wollte er es nicht, ja genauer, seine Frau wollte es nicht. Aber ausnahmsweise(?) handelte Pilatus nicht nach dem Motto seiner Frau: Mein Mann kann tun und lassen, was ich will.

Er saß mindestens zwischen vier verschiedenen Stühlen. Da war seine Frau, der römische Kaiser und das jüdische Volk – nebst seiner eigenen Position. Vielleicht hätte Pilatus nicht nur seinen häuslichen Frieden gerettet, seine Ehe wieder aufgewertet und der Frau in der Antike wieder mehr Gehör verschafft, vielleicht auch mehr Gunst im weiten römischen Reich bekommen. Denn da die Obrigkeit respektierende Jesus-Bewegung sich im Mittelmeerraum rasch ausbreitete, hätte ihm dies indirekt Lorbeeren einbringen können. Schließlich waren die Christen alles andere als militant oder gar eine Protestbewegung. Protestierende, sprich: Protestanten, waren sie eher innerkirchlich, also gemeint ist die Reformationszeit. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Da musste Pilatus also klein beigeben. Dabei war doch er, nicht die Juden, das Oberhaupt von Jerusalem. Aber was soll schon ein kleiner römischer Provinz-Bürgermeister machen, wenn er vor Ort Ruhe halten will.

Kurzum: Jesus landete auf der Müllkippe Jerusalems, auf Golgatha – und das zur „Belustigung“ der Menschenmenge. Die gesamte Öffentlichkeit nahm daran teil. Doch hatte Pilatus dabei dem Christentum einen großen Gefallen getan – ohne es zu wissen. Er ließ am Kreuz die Inschrift anbringen: „Dies ist Jesus, der König der Juden.“ Wenigstens hierin blieb Pilatus hart und meinte: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“ Also doch wieder Mann. Ein Mann, ein Wort!

Zum Hügel Golgatha kamen die Bewohner Jerusalems gelaufen und wollten sich das Spektakel der Kreuzigung nicht entgehen lassen. Ob mancher das aus Rachegelüsten tat, weil er Verbrecher gestraft und hingerichtet sehen wollte? Dabei war an Jesus ja nicht zu finden, was zu verurteilen war. „Ich finde keine Schuld an ihm“, so sagte Pilatus. Und wieder: ein Mann, ein Wort. So war es ja auch. Jesus, Gottes Sohn, starb für die Menschen und konnte sein Leben als stellvertretendes Opfer gelten lassen, gerade weil es keine Schuld an ihm gab.

Bild: Aus dem Schaukasten der EFG Westoverledingen 2019, Foto (c) K.Körte

Bis heute behaupten ja die meisten Christen, dass sie sogar in ihrem eigenen Leben so etwas wie Vergebung ihrer Schuld erleben. Dass damit mancher ein Problem hat, der das hört, liegt nicht zuletzt daran, dass die Frage, was ist Sünde, offensichtlich nicht einheitlich geklärt ist.

Aber egal was immer Schuld im eigenen Leben ist, anfangen bei dem kleinen Kavaliersdelikt, bis hin zum dem groß angelegten Millionen-Betrug oder gar heimtückischen Mord: Gott hat beschlossen zu vergeben jedem, der ihn darum bittet. Selbst den Christen musste das später der Apostel Johannes noch einschärfen. Denn: wer wird schon sündlos, auch wenn er beginnt ein gläubiger Mensch zu sein.

Doch dann – dann geht es weiter. Vergebung, erlebbar aufgrund von Karfreitag, ist keine Endstation. So schön Erleichterung und innerer Frieden auch sein mag. Im christlichen Glauben ist dies immer gekoppelt mit einem Blick nach vorne. Man löst sich von dem Vergangenen. Zuversicht, Hoffnung, aufatmen und erleichtert sein, weiterleben mit leichtem Gepäck – das sind entscheidende Inhalte des christlichen Glaubens. Doch dazu darf man nicht bei Karfreitag stehen bleiben. Es ist nur eine Zwischenstation.

Gewiss – es ist wie bei einem längeren Wettkampf, bei dem man Zwischenstationen passieren muss. Man kann es nicht machen wie eine Teilnehmerin vor Jahren, die beim New York Marathon zwischendrin in eine U-Bahn stieg und später im Parcours wieder auftauchte. Jede Zwischenstation will passiert werden, sonst ist das alles ungültig. Mag sein, dass manche Christen lieber nicht von Karfreitag reden, sondern nur von Hoffnung und Zuversicht. Aber die ist dann ja gekünstelt, nicht natürlich aus der lebendigen Beziehung zu Jesus entstanden. Es braucht den Karfreitag, aber doch bleibt er – zum Glück – nur Durchgangstation. Das Ziel ist besser, schöner, größer, bedeutungsvoller. Das Leben als Christ ist kein einziger Bußgang, sondern ein Erreichen eines neuen Lebens, in das uns Jesus auch nach Karfreitag führt, gerade danach. Darum: Karfreitag ist nur eine Zwischenstation, ein wichtiger Lebensmoment im Glauben, den wir zwar immer wieder ansteuern, aber auch immer wieder verlassen und weitergehen – eben: ein Karfreitag zum Weitergehen, ein Karfreitag to go.

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2 Gedanken zu “Karfreitag to go

  1. Hallo,

    irgendwie finde ich das ganz originell mit der „Durchgangsstation“. Klar, man darf nicht beim Kreuz stehenbleiben. Zwei Tage später ging’s ja ganz anders weiter – obwohl auch da noch die Nägelmale dabei waren. Also doch nicht nur eine Durchgangsstation, sondern etwas Bleibendes?

    Das Kreuz wird ja im NT auch zum Heilsereignis erklärt. Das Heilsereignis als Durchgangsstation? Da wird mir doch etwas anders.

    Andererseits ist Jesus ja nicht am Kreuz hängen geblieben, wie oben schon vermerkt. Also sollten wir auch nicht bei ihm stehen bleiben. Dann stünden wir noch heute unter dem Kreuz, während er schon längst anderswo …

    Aber „Durchgangsstation“ klingt so nach: einmal kurz da, schnell wieder weg; war nicht so wichtig; kann man eigentlich vergessen.

    Ich weiß, das meinst du nicht. Aber man könnte es so missverstehen.

    Jedenfalls ist es originell. Hab ich sonst noch nirgends gehört oder gelesen. Ist vielleicht auch wichtig für Menschen, die am Kreuz „kleben“ mit ihrem Glauben (schlechte Metaphorik). Aber könnte für andere auch dazu führen, das Kreuz mal flugs zu überspringen – einfach ohne Kreuz in den Himmel.

    Vielleicht ist das Kreuz so etwas wie ein Aufenthaltsort, an dem etwas Entscheidendes für mein Leben passiert ist und an den man sich immer wieder erinnert, weil er so wichtig ist. Bei dem man aber nicht stehenbleibt. So etwas wie ein wichtiger Abschnitt auf der Lebensreise.

    Gut Nächtle
    Klaus

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    • Wenn man etwas spitz formuliert, kann, je nachdem was man raushört, eine Aussage einseitig klingen. Natürlich: kein Ostersonntag ohne Karfreitag. Aber das gilt auch für Weihnachten und Pfingsten: es gehört zusammen als Gottes Heilsgeschichte.
      Und doch sei die Frage erlaubt: was bleibt (muss bleiben) unter’m Strich?

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